Kreisläufe und ewige Wiederkehr - Andreas Baur

Byung Chul Kim zeichnet. Diese an sich lakonische Feststellung beschreibt im Falle des Künstlers Byung Chul Kim eine Sensation. Und zwar in mehrfacher Weise: einmal inhaltlich, weil überaus poetisch, dann formal, da Bezug stiftend zu großartigen Vorbildern und schließlich auf der Ebene der persönlichen künstlerischen Entwicklung.

Byung Chul Kim zeichnet. Er tut dies in einem großen, für das Medium der Zeichnung sehr großen Format. Das Papier ist direkt auf die Ausstellungswand gepinnt. Die Sujets sind detaillreich, geradezu altmeisterlich ausgeführt. Inhaltlich spannt Byung Chul Kim in seinen Blättern gigantische Bögen und schlägt durchaus humorvoll augenzwinkernd Brücken etwa: „Von Oma bis Nietzsche“. Lebensfragen sind thematisiert, Geheimnisse werden gelüftet, hintergründige Überlegungen angestellt, Kreisläufe entworfen, Essentielles bietet sich dar.

Eine der Bildergeschichten nimmt ihren Ausgang bei der feinsinnigen Beobachtung, dass aus einem Flusskiesel ein Stück herausgebrochen ist – zu sehen ist eine eckige Narbe im ansonsten weichen Rund. „Ein Kieselstein, wie er an vielen Orten auf der Welt vorkommt.“ Das fehlende Stück ist in schematischer Zeichnung ergänzt und neben dem Kiesel platziert: „Abgebrochen!“, so lautet die begleitende Inschrift. Neben der Risszeichnung des fehlenden Stücks Stein steht ein Fragezeichen. In lockerer Geste ist der Mangel am Kiesel durch eine ovale Einfassung hervorgehoben. Ein Pfeil deutet in Richtung Fehlstück. Damit ist die diese Zeichnung motivierende Frage formuliert: Wo ist das fehlende Stück? Die Überlegungen leiten über zu einem Gartenbaubetrieb und dessen Kieshaufen, die Schüttgut in unterschiedlicher Granulatgröße bereithalten. Dort könnte es untergekommen sein. Klar, das Stück, dem Byung Chul Kims zeichnerische und mit dieser auch unsere visuelle Suche gilt, könnte auch an einem Kiesstrand inmitten in der Tidezone, „zu rund“, oder in einer Wüste liegen „zu klein“. Beide Optionen sind Teil einer „anderen Überlegung“, die „einer langen Reise“ gilt. Hat der Kiesel etwas zu tun mit einem Vulkanausbruch? „Zu grob.“ Oder steht er als „Stein aus dem Weltall“ in Verbindung mit dem Einschlag eines Meteoriten? „Zu weit weg.“ Und dort? Ein Fels! Fehlt diesem nicht ein kleines Stück, so auf halber Höhe entlang einer horizontalen Marke? Hier würde doch der Kiesel passen. Oder etwa nicht? Doch so richtig passt wohl nur der Kiesel zusammen mit dem fehlenden Stück – also weiter mit der Suche...

Andere Blätter thematisieren die Beziehung des Künstlers zum früh verstorbenen Vater: „Ich sehe meinen Vater in meinem Gesicht.“ Welche Aufgabe hatte in diesem Zusammenhang das mittlerweile entfernte Muttermal auf der Hand des Zeichners? Das Muttermal „als Funkgerät zum Vater“? In einer weiteren Arbeit geht es um Gleichgewichte zwischen jahrelangem Kräfteeinsatz beim Entwickeln von Fertigkeiten und dem Erreichen beruflicher Ziele gegenüber einer ökonomischen Bilanz mit „Reichenausweis“. Oder Byung Chul Kim widmet sich Fragen nach Transformationen – was mag mit der Energie einer nahestehenden Person, etwa der Großmutter, nach ihrem Tod geschehen? „Energie kann in der Welt nicht verschwinden.“ Wird diese gar derart umgewandelt, dass sie am Ende in wunderbarer Weise auch dazu taugt, ein Transistorradio zu betreiben? Oder es geht – auch so eine Frage eines Kreislaufs – um Laufradbau. Einer feinen handwerklich-mechanischen Kunst, die jeder Rennradfahrer zu schätzen weiß: was für eine Freude, wenn das Laufrad weich und absolut rund sich dreht ohne jeden Höhen- oder Seitenschlag. Dieser hat aber auch zu tun hat mit dem „Finden der Mitte“.

Ihrer Anlage nach sind die Zeichnungen von Byung Chul Kim knapp und sparsam. Es ist die Beschränkung auf das Notwendigste, welche die offene Leere der Blätter und ihren schier grenzlosen weißen Bildraum zum Klingen bringt. Angelegt sind die Zeichnungen als Inseln motivischer Konkretionen im Grenzenlosen. Es ist ein Zusammenspiel, das zwischen zeichnerischer Ausführung und Nichtausführung oszilliert. Zu erschließen ist das Ganze in einem Hier und Dort, auf jeden Fall nicht in eindeutiger Perspektive sondern vielmehr in einer Form von Umsicht, einer Circumspektive. So sind wir Betrachtenden eingebunden und mittendrin im Geschehen. Gerade diese mannigfaltigen, sich nach allen Seiten hin öffnenden Sichten, stiftet den Zeichnungen zusammen mit den klaren Erzählstrukturen eine Einheit. Das Zeichnen in der Circumspektive vieler Richtungen kann nur gelingen, wenn man nicht nur von sich aus Welt sieht und denkt, sondern zugleich sich selbst als Teil von Welt von außen her.

Da ist noch eine Besonderheit: diese teils frei ausgreifenden, gestischen Abbreviaturen, diese einfassenden Hervorhebungen oder Beziehungen anlegenden Verbindungslinien. Diese Choreografien zwischen den Dingen. Sie stehen in ihrer physischen Großzügigkeit im Kontrast zur feinzeichnerischen Ausführung der Sujets. Sie geben als performative Spuren eine Idee davon, wie der Künstler in den Blättern agiert.

Beziehungen zu Performances gibt es tatsächlich. Als Reminiszenz an von Byung Chul Kim entworfene und gehaltene Performances – etwa jener zur „Entdeckung des großen Muschismus“. In dieser ging es darum, dass man in den verschiedensten Alltagsgegenständen das weibliche Geschlechtsteil entdecken kann, woran der Künstler in launiger und zurückhaltend ernsthafter Weise das Publikum hat teilnehmen lassen. Entdeckungen gelangen ihm etwa im Falz einer blechernen Kehrichtschaufel, in dem der Holzgriff steckt ebenso wie in einer Milchtüte, der Ritze eines Fahrradsattels, der Wollmütze einer Museumsaufsicht oder einem Astloch. Die einzige farbige Zeichnung in der Ausstellung erinnert als Hommage an das weibliche Geschlecht eben auch an diese Performance und bietet ergänzende Fundstücke in Gestalt kunsthistorischer Zitate oder solchen aus der Modewelt.

Vor allem durch Performances und groß angelegte Projekte, die das Publikum sowie Kolleginnen und Kollegen zu Partizipation und Interaktion einluden, hat der Künstler in den vergangenen Jahren reüssiert. Dafür steht etwa das in Stuttgart von Byung Chul Kim auf Zeit betriebene Performance-Hotel, das sich schnell zu einem Hotspot der Szene vor Ort entwickelte. Klar, man konnte dort schlicht übernachten und dafür auch bezahlen. Doch das geschah so wohl nur in den seltensten Fällen. Denn man konnte den Aufenthalt im Hotel auch als Einladung verstehen, selbst Performances zu bieten. Diese wurde vom Betreiber als geldwerte Sachleistung anerkannt und konnte – je nach dem – den Übernachtungspreis nach dessen Einschätzung mindern oder gar vollständig ersetzen. Nach ähnlichem Prinzip ging es zu im Humor-Restaurant, eingerichtet in einem Zürcher Kunstverein: „Wo Reis kocht, ist Glück“. Und nun? Zeichnungen!

Ihrer formalen und räumlichen Anlage nach erinnern die Zeichnungen von Byung Chul Kim an Werke der traditionellen asiatischen Tuschmalerei. Byung Chul Kims neue Zeichnungen sind eine Sensation auch deshalb, weil sie ihrer formalen und räumlichen Anlage nach Anschluss halten an großartige Traditionen asiatischer Tuschmalerei. An deren große Leere und polifokalen Anlage. An das Hier und Dort und weiter hinüber – man selbst als Rezipient mittendrin. Byung Chul Kim schlägt also eine Brücke zu großer Kunst, zu ganz großer Kunst!


Quelle: Von Oma bis Nietzsche. Byung Chul Kim. Arbeiten 2013-14. Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-942144-33-9
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